Dispo oder Rahmenkredit
Beide haben keinen Tilgungsplan, nur einer hat ein Widerrufsrecht — und ab November auch der andere. Was sie kosten und woran beide scheitern.
Sie sehen gleich aus: ein Rahmen, aus dem man nimmt, was man braucht, Zinsen nur auf das Genutzte, keine feste Laufzeit. Rechtlich sind es zwei verschiedene Dinge, und der Unterschied kostet Geld.
Der Dispo ist an das Konto gebunden
Die eingeräumte Überziehungsmöglichkeit nach § 504 BGB ist das Recht, das laufende Konto in bestimmter Höhe zu überziehen. Kein eigener Vertrag, kein Antrag, kein Auszahlungstermin — die Grenze steht im Kontovertrag, und jede Gutschrift tilgt automatisch.
Davon zu trennen ist die geduldete Überziehung nach § 505 BGB: Wenn du über den eingeräumten Rahmen hinausgehst und die Bank es geschehen lässt. Das ist kein eingeräumtes Recht, sondern ein geduldeter Zustand — und er ist teurer.
| Dispo (§ 504 BGB) | Geduldete Überziehung (§ 505 BGB) | |
|---|---|---|
| Rechtsnatur | vertraglich eingeräumt | nur geduldet |
| Durchschnittszins 2026 | 11,46 % | 13,24 % |
| Höchster erhobener Wert | 15,39 % | 19,75 % |
| Beratungspflicht | ja, § 504a BGB | über § 505 Abs. 2 BGB |
| Widerrufsrecht | bisher nein | nein |
Der Konditionendurchschnitt von 11,46 % stammt aus einer Erhebung über rund 1.000 Banken. Die Bundesbank weist mit 9,24 % einen niedrigeren Wert aus — der ist volumengewichtet und mischt günstige Direktbanken mit teuren Filialinstituten. Beide Zahlen sind richtig, sie messen Verschiedenes: Die Bundesbank misst, was tatsächlich gezahlt wird, die Erhebung, was im Preisverzeichnis steht.
Der Rahmenkredit ist ein eigener Vertrag
Er hängt nicht am Girokonto, sondern ist ein vollwertiger Verbraucherdarlehensvertrag nach §§ 491 ff. BGB. Das klingt nach Formalität, hat aber Folgen: Es gibt vorvertragliche Pflichtinformationen, eine Vertragsurkunde — und ein 14-tägiges Widerrufsrecht, das dem Dispo bis heute fehlt.
Die Konditionen streuen weit. Am günstigen Ende lagen im September 2026 rund 8,28 %, am teuren 14,99 %. Das teure Ende liegt damit über dem Dispo-Durchschnitt und sogar über der geduldeten Überziehung.
Ein Rahmenkredit ist also nicht per se günstiger als der Dispo. Günstiger ist der Anbieterwechsel, nicht die Produktart.
Die Mindestrate ist der eigentliche Kostenhebel
Der Dispo hat gar keine Rate. Der Rahmenkredit hat eine, und sie ist die Falle: typischerweise ein bis zwei Prozent der jeweiligen Inanspruchnahme. Weil sie prozentual auf den Restsaldo bezogen ist, sinkt sie mit ihm — die Tilgung bremst sich selbst aus.
Gerechnet an 5.000 € bei 8,28 % und zwei Prozent Mindestrate:
| Monat 1 | Wert |
|---|---|
| Zins | 33,26 € |
| Rate | 100,00 € |
| davon Tilgung | 66,74 € |
Tilgungswirksam sind also nur zwei Prozent minus 0,665 Prozent Monatszins, das sind 1,335 Prozent des Saldos pro Monat. Der Saldo schrumpft geometrisch: Nach rund 52 Monaten ist er halbiert, ab dann greift die Mindestrate von 50 €.
Gesamtlaufzeit bei reiner Mindestrate: 113 Monate, also 9,4 Jahre. Gezahlt: rund 6.795 €, davon 1.795 € Zinsen.
Derselbe Betrag als Ratenkredit über 48 Monate zum selben Zinssatz kostet rund 875 €. Die Mindestrate verdoppelt die Zinskosten — nicht der Zinssatz.
Beim Dispo ist es noch direkter: Ohne Tilgung wächst der Saldo. Bei 2.000 € Dauerüberziehung zu 11,46 % und quartalsweisem Abschluss stehen nach einem Jahr 2.239 €, nach zwei Jahren 2.507 € — und sobald der eingeräumte Rahmen überschritten ist, kippt der übersteigende Teil in die geduldete Überziehung zum höheren Satz. Der Kredit verteuert sich durch sein eigenes Wachstum.
Was das Gesetz an Frühwarnung vorsieht
Beim Dispo überraschend viel, und kaum jemand kennt es.
§ 504a BGB: Nimmst du die Überziehungsmöglichkeit sechs Monate ununterbrochen in Höhe von durchschnittlich mehr als 75 Prozent des Rahmens in Anspruch, muss die Bank dir unverzüglich ein Beratungsgespräch anbieten — in Textform, dokumentiert, über kostengünstigere Alternativen. Lehnst du ab, muss sie es wiederholen, sobald die Voraussetzungen erneut vorliegen.
§ 505 Abs. 3 BGB ist die schärfere Regel: Verstößt die Bank bei einer geduldeten Überziehung gegen ihre Informationspflichten, „kann der Darlehensgeber über die Rückzahlung des Darlehens hinaus Kosten und Zinsen nicht verlangen”. Der Kredit wird also rückwirkend zinsfrei.
Der Rahmenkredit hat nichts dergleichen. Er hat dafür das Widerrufsrecht.
Ab dem 20. November 2026 ändert sich das
Das Umsetzungsgesetz zur Richtlinie (EU) 2023/2225 verschiebt das Gleichgewicht deutlich zugunsten des Dispos:
- 30 Tage Kündigungsvorlauf. Die Bank muss eine Kündigung oder Kürzung des Rahmens mindestens 30 Tage vorher ankündigen. Die fristlose Streichung entfällt.
- Anspruch auf Ratenzahlung. Ist der gekündigte Rahmen in Anspruch genommen, muss die Rückzahlung in zwölf gleichen Monatsraten zum bisherigen Sollzinssatz angeboten werden, ohne zusätzliche Kosten.
- Widerrufsrecht. Die bisherige Ausnahme fällt weg.
Damit verliert der Rahmenkredit seinen strukturellen Vorteil. Übrig bleibt der Preisunterschied — und der hängt am Anbieter, nicht an der Produktart.
Altverträge bleiben unberührt.
Die Gegenposition
Für beide gilt derselbe Einwand: Sie sind für einen Zustand gebaut, den man nicht haben sollte.
Der Dispo ist ein Überbrückungsinstrument. Sobald das Konto über Monate nicht mehr auf null kommt, ist er ein Dauerkredit ohne Tilgungsplan zum zweithöchsten Zinssatz im Privatkundengeschäft. Den Schwellenwert nennt das Gesetz selbst: sechs Monate über 75 Prozent des Rahmens. Wer dort ist, braucht keinen zweiten Rahmen, sondern einen Tilgungsplan.
Und der Rahmenkredit ist die falsche Antwort auf einen feststehenden Bedarf. Wer 8.000 € für ein Auto braucht, bekommt mit einem Ratenkredit dieselbe oder eine bessere Kondition plus ein Enddatum. Besonders falsch ist er als Aufstockung neben einem ausgeschöpften Dispo: Dann verdoppelt sich der Verschuldungsrahmen, ohne dass Tilgungsdruck entsteht.
→ Wann sich das Ablösen eines Dispos rechnet und wann Selbsttilgen gewinnt, rechnet der Dispo-Rechner mit deinen Zahlen durch.
Was bleibt
- Der Dispo hat keine Rate, und genau das ist sein teuerster Zug.
- Der Rahmenkredit hat eine, aber sie sinkt mit dem Saldo — 5.000 € laufen bei Mindestrate 9,4 Jahre.
- Die Produktart entscheidet nicht über den Preis, der Anbieter tut es: 8,28 % bis 14,99 % beim Rahmenkredit, 5,44 % bis 15,39 % beim Dispo.
- Ab November ist der Dispo besser geschützt als heute — mit Widerrufsrecht und 30 Tagen Vorlauf.